…während andere bluten!

…während andere bluten!

„Um 5 Uhr wurde zum Kampf angetreten. Leider mußte ich bald in Tätigkeit treten. Vormittags fiel dann auch der Kommandeur einer Artillerie-Abteilung durch Volltreffer einer feindlichen Granate in eine Geschützbedienung. So geschehen vor meiner Nase; einigen konnte ich nicht mehr helfen.“

In seinen hier vorliegenden Feldpostbriefen schildert der Mediziner Friedrich Riemann über zwei Jahre lang seinen Alltag an der kroatischen Front. Umgeben von Partisanen, verstrickt in Machtkämpfe mit Kollegen und Vorgesetzten und fern der Heimat berichtet er seiner Verlobten Margarete von seinen Fronterlebnissen. Ein Stück deutscher Zeitgeschichte, wie es ehrlicher und authentischer nicht sein könnte.


Auszug aus dem Buch:

29.11.44.

Lieber HH!

Die Zeit vergeht hier so schnell, dass man kaum die Tage mehr zählen kann. Ich führe noch immer die Einheit und das Lazarett und habe alle Hände voll zu tun; Egelauer ist noch am Hauptverbandsplatz zusammen mit Heinz. Bei mir befindet sich Rotter und Eigemann. Wenn man also soeben die Augen morgens wachgerieben, brummt‘s an schönen Tagen auch schon in der Luft; die Jagdbomber brausen in Gruppen zu fünft durch die Luft, wie‘s ihnen beliebt; besonders auf die Orte an den spärlichen Hauptstraßen haben sie es abgesehen. So prasseln bei uns fast täglich ein- oder zweimal die Bomben nieder; meist in Bahnhofsnähe. Sonst ist der Ort von früher her auch schon stark mitgenommen. Bei der schlechten Deckungsmöglichkeit einerseits (lauter kleine Häuser ohne Luftschutzkeller) und dem raschen Auftauchen der Flieger andererseits (meist kein Fliegeralarm) ist guter Rat oft teuer, was man in der Eile tun soll. Rette sich, wer kann! Ein reichlich unangenehmes Gefühl, wenn man sieht, wie sich hoch über uns die Bomben von den Flugzeugen lösen. Dann heißt es rasch ins nächstbeste Loch. Seit neuestem sprengt man hier Stollen in die Berge. Jedenfalls ist der Dienstbetrieb im Lazarett durch die Fliegertätigkeit schwer beeinträchtigt. Mein Wohnhäuschen (knapp an der Bahn) steht immer noch.

An der „Invasionsfront“ des Balkans gibt es nichts Neues. Vor einiger Zeit hieß es im Wehrmachtsbericht, dass die Front dort zum Stehen gebracht wurde. Auch heute noch ist die Lage unverändert trotz stärkerer feindlicher Angriffe. Wie lange wir noch hierbleiben, weiß wohl niemand. Das hängt teils davon ab, wann die Griechenlandtruppen durchgeschleust sind (dies geht leider verflucht langsam) und wie sich die Lage bei Fünfkirchen gestaltet. Wie es auch kommt, wir müssen es hinnehmen. Dass unsere Lage hier am Balkan nicht blendend günstig ist, beweist ein Blick auf die Karte. Man kann sich natürlich diesen zwangsweisen Gedankengängen entziehen, man braucht bloß den Kopf in den Sand stecken, ein in den letzten Jahren patentiertes Rezept, um alles rosig zu sehen (man erspart sich dann auch noch die rosarote Brille). Aber die Hoffnung, dass sich noch alles zum Guten wendet, geben wir nie auf, auch wenn es jetzt noch zu schlimm aussieht.

Und nun Handkuss an Frau Mama und viele Rbs an Dich

Schnü

10.12.44.

Liebes Lumpi!

Heute will ich nochmals ein Weihnachtsbrieferl schicken und hoffen, dass wenigstens eines mit meinen liebsten und besten Wünschen für Weihnachten und Neujahr bei Dir ankommt. Habe mich eben sehr über Deine beiden letzten Brieferl vom 14. und 17.11. gefreut und mit Vergnügen und Lächeln einen kleinen Fehler in Deiner Nummerierung festgestellt: beide tragen die Nr. 61. Da freut sich Schnürzlhundi über das „dumme“ Lumpi.

Schließlich wäre es ja auch kein Wunder, wenn Dir einmal Dein Kopferl nicht parieren möchte! Tagsüber angestrengte Arbeit, dazu Tag und Nacht keine Flieger-Ruhe, außerdem vermehrte Hausarbeit und dauernde Sorge um Mama und Schnü. Ich hoffe, dass Deine Mutti Wien schon verlassen hat und Du wenigstens diesbezüglich Erleichterung hast. Ach liebes Häschen, wie schade, dass ich Dir nicht helfen kann. Ich bin zu weit weg, allzu weit weg.

Kannst Du Dich an die lieben, schönen Weihnachten erinnern, die ich mit Dir feiern durfte? Wie traut und unbeschwert, aber doch schon – für den Sehenden zumindest – überschattet von den kommenden Prüfungen.

Diese Weihnachten werde ich – vielleicht noch am alten Ort, an dem ich schon fünf Wochen weile – inmitten der Kompanie feiern und werde den Männern als ihr derzeitiger Chef eine Feier bereiten, so gut es die derzeitigen Verhältnisse gestatten. Und solltest Du im Rundfunk am Heiligen Abend eine Soldatenfeier hören, so denke daran, dass heuer auch ich eine Rede schwingen und meine Männer beschenken werde. Und wird das Fest noch so ärmlich, sollte alles schiefgehen – was Gott verhüte – so war es unser schönstes Familienfest! Aber noch ist nicht alles verloren; wir wollen alle fest daran glauben, dass sich wieder alles zum Guten wendet!

Und nun, liebes Lumpi, nochmals alles Liebe Dir und Deiner Frau Mama für Weihnachten und ein glücklicheres Neujahr, als es das alte Jahr war! Zwei kleine Päckchen, zu verschiedenen Zeiten aufgegeben, sollen Dir ein wenig Freude bereiten.

Großer und kleiner Schnü grüßen beide Lumpentierli viele tausend Mal mit Pieps und langen Rbs!

Fritz

19.12.44.

Lieber HH!

Muss Dir heute wiederum ein paar Zeilen schreiben; ich habe allerdings keine Neuigkeiten zu berichten, aber ich habe so das Bedürfnis, wiederum zum Hasen zu kriechen, ihm ein wenig das Felli zu kraulen und ihm damit eine kleine Freude zu bereiten. Heute ist wieder ein schwerer Bomberverband vormittags nordwärts, nachmittags südwärts über unsere Köpfe hinweg geflogen; ich musste ständig an Dich und Daheim denken; sie waren vermutlich wieder in Wien. Hoffentlich hast Du den Hasenstall nach Büroschluss wieder heil angetroffen. Hier hatten wir seit einiger Zeit keine Fliegertätigkeit wegen schlechten Wetters; alle umliegenden Berge waren stets in Wolken gehüllt, oft lag dichter Nebel im Tal, manchmal regnete es wie aus Kannen; an zwei Tagen schneite es. Im Allgemeinen ist es hier aber so warm, dass man stets noch ohne Mantel gehen kann. Leider klärte es heute bei zunehmendem Mond so stark auf, dass es morgen wahrscheinlich bestes Flugwetter für Jabos und Tiefflieger gibt.

Mir geht es sonst recht gut, wohne weiterhin mit Eigemann und Rotter in bester Kameradschaft auf einer netten Stube mit moderner Einrichtung. Hier hatte ein Arzt sein Heim, bevor er zu den Partisanen ging. Leider liegt die Bude unmittelbar an der Bahn.

Ich bin noch immer „Chef“ in Vertretung Egelauers. Wie lange noch? In wenigen Tagen kommt ein neu zu uns versetzter Stabsarzt hierher. Ich kenne ihn noch nicht. Was ich dann tun werde, weiß ich noch nicht. Augenblicklich gehöre ich noch zu den Honoratioren dieser Kleinstadt; als Mitglied dieser erlesenen Gesellschaft habe ich es durch fast tägliches Eingeladen sein hier und dort schon zu einem chronischen Säufer gebracht: einen halben Liter Rakija trinke ich an einem Abend ohne schwere Folgen; dabei sind kleine Gläschen, die ich tagsüber trinke – wie einst im Urlaub – nicht eingerechnet. Vielfach trinkt man hier das edle Gift aus Wasser- oder Weingläsern.

Was sollte man auch schließlich tun, um seinen Kummer zu ertränken? Häschen ist weit weg und die beiden Hausdamen, die nach Fliegergefahr abends ab und zu vom Dorf nach Hause kommen und uns einladen, bieten nur ganz schwachen Ersatz. Lumpi, bisschen eifersüchtig? Bitte ja! Unter normalen Verhältnissen würde man ja auch schon von der Urlaubsvorfreude zehren und der große und kleine Schnü würde sich eher trösten. Aber so heißt es, auf bessere Zeiten warten. Jedoch – sie werden kommen!

Nochmals alles Liebe für ein besseres Neujahr, als es das alte war! Viele Rbs

Fritz

N.S.: Prosit 1945 an alle gemeinsamen Bekannten! Handkuss an Frau Mama.

27.12.44.

Liebster HH!

Nun ist auch Weihnachten vorüber und unsere Gedanken sind bereits dem kommenden neuen Jahr zugewandt. Das alte hat mir wenigstens nichts Schlimmes gebracht. Etwas gefährliche, aber schöne „Wanderungen“ durch ein wildes Land, Vergnügen an der Küste, Kurse und – Urlaub beim Lumpi, ein wunderschöner Urlaub für die Tierlis! Nun geht das alte Jahr zu Ende und Schnürzltierli muss sich beim Hasen noch herzlich bedanken für die liebe Begleitung durch diese Zeit, danken für die vielen lieben Brieferl, die schönen Tage in Mödling, usw. Und das Tierli bittet mit hoch erhobenen Pfoten: Lumpi, bleib auch weiterhin bei mir! Es wünscht Dir recht viel Glück im neuen Jahr; bleib gesund, Hase! Ebenso die Hasenmutter.

Weihnachten ist bei uns recht schön gewesen: Reisiggeschmückter Theatersaal, zwei Weihnachtsbäume mit Kerzerln, Rede von Schnü, Predigt von Eigemann, Wehrmacht-Geschenkpackung, leckeres und reichliches Essen, dann geselliger Teil mit komischen Vorträgen und einem Einakter von Hans Sachs‘ „Das Narrenschneiden“ (drastisch-komische Heilung eines eingebildet-Kranken!). Der neu zu uns versetzte Stabsarzt Dr. Kloke (Berliner, recht gemütlich) war auch schon anwesend. Ich führe aber auf Befehl weiterhin die Einheit. Und nun viele Pieps und noch mehr Rbs von

Schnü

3.1.45.

Lieber HH!

Freue mich immer wie ein liebes kleines Schnürzltierli, das man streichelt, wenn ein Brieferl vom Hasenstall einflattert. Nun waren‘s in den letzten Tagen gleich fünf: die Nummern 63, 68-71! Das Hundi macht schön Männchen und bedankt sich mit vielen Pieps, etc.! Besonders freut mich, dass alles wohlauf ist. Für Deine Mutti liegen zwei Rezepte bei, lässt sie vielleicht bei Opapa ausfolgen. Das dritte folgt mit nächstem Brief. Wenn ich mich recht erinnere, hat meine Mutti daheim noch zwei unbenutzte Packungen, da sie das Präparat schlecht verträgt. Sie möchte Dir es doch schicken; schreib ihr!

Mit dem neuen Stabsarzt vertrage ich mich (noch) sehr gut. Er ist sehr wenig interessiert und hat vor allem gar keinen Ehrgeiz. Auf Befehl des Chefs führe ich weiterhin die Einheit. Freut mich, diese Anerkennung ungewöhnlicher Art. Heute kam hier ein neuer Stabsintendant an (noch vor kurzer Zeit nannten sich die Herren Stabszahlmeister), der meinen Freund Oberzahlmeister Eigemann ablöst. Eigemann geht auf immer weg, er kommt auf einen Truppenübungsplatz und wird Truppenoffizier (Umschulung). Es tut mir sehr leid um ihn.

Schick mir doch bitte einen Vordruck (besser zwei) für das Zeugnis über die Pflichtassistentenzeit. Ich hab im Urlaub auch für Willy eine Reihe von Exemplaren von der Ärztekammer geholt.

Mit Handkuss an Frau Mama und vielen Rbs und Pieps an Dich

Schnü

12.1.45.

Lieber HH!

Vielen Dank in Form von Pieps und Rbs an die Lumpis, von welchen gestern ein ganzer Berg von Briefen ankam: die Nummern 72-76, nachdem bereits vor einigen Tagen Nr. 77 vom Neujahr mit guter Nachricht über Deine Mutti hier eingetrudelt war. Leider kam bisher von Dir nur ein kleines Päckchen an; will hoffen, dass das andere, für das Du sicher an Lebensmitteln sparen musstest, noch kommt. Bin noch immer am selben Ort, bei der Kompanie, die ich auch noch führe; Egelauer und Heinz sind nach wie vor auf einem abgezweigten Hauptverbandsplatz. Rbs

Schnü

16.1.45.

Lieber HH!

Hier gibt‘s nichts Neues von Bedeutung, alles ist beim alten geblieben, bloß Dr. Kloke und Dr. Rotter haben mich mit einer Anzahl von Leuten verlassen, um an einem Höhenkurort, an dem ich mich im letzten Frühjahr aufgehalten hatte, ihr Domizil aufzuschlagen und dort einen Hauptverbandsplatz zu betreiben. So bin ich nun nach Willi Eigemanns Auszug aus dem gelobten Land ziemlich vereinsamt.

Übrigens hatten unsere Leute, die uns heute verließen, Glück im Unglück. Knapp nachdem sie unseren Ort mit Lastzug verlassen hatten, fielen beim Bahnhof und knapp um mein Quartier mehrere Bomben, ohne wesentlichen Schaden anzurichten. Fast gleichzeitig wurde besagter Güterzug, in dem sich Dr. Klocke und Dr. Rotter mit ihren Leuten befanden, von anderen Flugzeugen mit Bomben und Bordwaffen angegriffen, ohne dass ihnen was passierte. Der Zug setzte bald seine Fahrt fort.

Ich habe heute leider wieder im Wehrmachtsbericht von Luftangriffen auf Deutschland, insbesondere Wien gehört. Ich hoffe, dass Dir und Deiner Mutti kein Leid geschah.

Und nun viele Rbs von

Schnü


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