Sonst geht es mir noch gut

Sonst geht es mir noch gut

Nun setzt das Feuer erst richtig ein. In einem Bunker suchen wir Schutz. Da kommt die Meldung durch: Der Russe ist eingebrochen! Sofort machen wir unsere Geschütze feuerbereit. Alle schleppen Munition herbei, ich auch. Wir schießen, was die Rohre nur hergeben. Der Stellungs-Uffz., der Geschützführer und ein Mann fallen …

Im März 1943 wird der erst 18-jährige Funker Klaus Heine zum Einsatz an die russische Front geschickt. Zwei Jahre lang schreibt er von dort regelmäßig an seine Familie daheim in Frankfurt, und man kann anhand seiner Schilderungen hautnah miterleben, wie aus dem einst fröhlichen Jungen ein abgekämpfter Frontsoldat wird, der das Ende des Krieges trotz aller Hoffnungen und Träume scheinbar nicht mehr erleben darf. Klaus Heine schreibt seinen letzten Brief aus einem unter Beschuss stehenden Lazarett, am 1. Advent 1944.


Auszug aus dem Buch:

Rußland, 9. März 1943

Liebe Eltern!

Wir liegen hier unweit Orel hundert Meter hinter der  Hauptkampflinie. Wir liegen zu zwanzig Mann in einem stabilen Bunker. Ich bin als Gewehrschütze eingeteilt. Wir liegen hier mit alten erfahrenen Soldaten zusammen. Es herrscht hier eine Kameradschaft, wie ich sie noch nie gesehen habe. Alles redet per Du, und jeder hilft dem anderen wo er nur kann.

Ich stehe heute zum ersten Mal hundert Meter vor dem Feind im Graben. Alle 24 Stunden wird abgelöst. Vor mir liegt ein Maschinengewehr, das auf jeden, der eins zur Verfügung hat, beruhigend einwirkt. Heute Abend 19 Uhr kommt die Ablösung. Es ist jetzt 12:15 Uhr. Vor einer halben Stunde habe ich den ersten Russen umgelegt. Heute Morgen hörte und sah ich zum ersten Mal die Wirkung der Stalinorgel. Ein nicht abreißendes dumpfes Grollen ist wohl der Hauptbestandteil der „Orgel“. Nach einer Stunde hörte sie plötzlich auf. Sie wurde nämlich entdeckt und wirksam bekämpft. Die Flugtätigkeit der Russen ist sehr rege. In wirren Haufen fliegen sie ihre Angriffe und werden regelmäßig von unserer Flak heruntergeholt. Die Verpflegung ist hier prima. Heute Morgen, zum Beispiel gab es Brot, so viel wie jeder brauchte, ¼ Pfund Butter und ¼ Pfund Schweizer Käse. Jeden Tag gibt es zwölf Zigaretten. Heute scheint die Sonne ganz besonders warm. Es fängt so langsam an zu tauen.

Heute kann ich mich das erste Mal seit Erfurt wieder waschen. Meine Kameraden suchen schon eifrig Läuse, mit größtem Erfolg. Sind meine Großaufnahmen fertig? Zusätzlich zu unserer Verpflegung gab es heute eine Tafel Schokolade. Unsere einzige warme Mahlzeit findet abends nach Ablösung statt. Gestern Abend gab es prima Bohnensuppe mit viel Fleisch. Das war ein Götterfraß.

Die Wascherei habe ich nun beendet. Rasieren tue ich mich nicht mehr. Das ist bei uns hier ganz aus der Mode. Bei uns wird nachts gearbeitet und ab 4 Uhr geschlafen. Bei Tag darf keiner den Bunker verlassen, weil der Feind das Gelände einsieht. Noch vier Stunden, dann ist die Ablösung zur Stelle und wir haben 24 Stunden Ruhe.

Viele herzliche Grüße und Küsse Euer

Klaus

Rußland, 13. März 43

Liebe Eltern!

Fünf Kilometer hinter der Stellung liegen wir für 48 Stunden in Ruhe. Wir sind hier acht Mann in einem wohnlichen Bunker. Die Wände und Betten sind aus Birkenholz gefertigt. In einer Ecke steht ein Kamin. Gestern lagen wir noch in Stellung und froren ganz erbärmlich. Wenn wir jetzt an die 48 Stunden denken, die wir morgen wieder in Stellung verbringen müssen, wird es uns ganz anders. Nach 48 Stunden Wache kippt man leicht aus den Latschen. Es ist eben 15 Uhr. Um 12 Uhr sind wir aufgestanden. Jetzt wird es wohl Zeit sich wieder hinzulegen. Ich benutze jede freie Zeit Euch zu schreiben. Ihr werdet schon gemerkt haben, dass ich die Briefe mit Nummern versehe. Es wäre ganz gut, wenn Ihr das auch so machen würdet. Ich kann dann eher übersehen, ob alle Briefe angekommen sind. Bis jetzt habe ich noch keine Post von Euch erhalten. In unserem Frontabschnitt war am 22.2.43 eine große Sache der Russen. Ihr werdet ja im Wehrmachtsbericht davon gehört haben. Es gab auf unserer Seite dreitausend Verwundete. Wenn wir acht Tage eher gekommen wären, hätten wir vielleicht auch daran glauben müssen. Zurzeit ist hier vollkommene Ruhe. Nur ab und zu fallen einzelne Gewehrschüsse. In meiner Gruppe bin ich der einzige von der alten Erfurter Kompanie. Ich habe mich aber schon wieder sehr gut eingelebt. Wie oft denke ich an Euch zu Hause. Wie ist es doch zu Hause so schön. Man ist ein freier Mann. Hat sein Vergnügen. Hier gibt es noch nicht einmal Wasser. Waschen müssen wir uns mit Schnee. Das Essen und den Kaffee bekommen wir aus dem Dorf 10 km entfernt. Eben wird bekannt, dass unser Bataillon abgelöst und in einer ruhigere Stellung kommen soll.

Bis dahin grüßt und küsst Euch Euer

Klaus

Rußland, 18. März 43

Liebe Eltern!

Seit ungefähr drei Tagen haben wir unsere Stellung gewechselt. Wir sind neun Stunden mit dem Lastauto gefahren. Wir liegen hier südlich Moskau in einer prima ausgebauten Waldstellung. Unsere Gruppe zieht nur nachts auf. Jeder Posten steht einmal vier und einmal drei Stunden. In der Nacht geht die Zeit viel zu langsam um, und dann ist es auch kälter als am Tage. Tagsüber liegen wir zu sechst in einem schön wohnlich eingerichteten Blockhaus. Heute gab es zum ersten Mal in meiner Soldatenzeit Erbs mit Speck. Es war prima.

Auch hier an diesem Frontabschnitt ist nichts los. Nur einzelne Gewehrschüsse werden gewechselt, ohne dass etwas vom Feind zu sehen ist. Heute Mittag – es ist eben 19 Uhr, ich bin gerade abgelöst und habe zwei Stunden Ruhe – frug mich der Kompaniechef, ob ich als seine Ordonanz tätig sein wolle. Ich habe zugesagt. Ich warte noch darauf, was daraus wird. Die Verpflegung ist nach wie vor prima. Jeden Tag zwölf Zigaretten, Schokolade oder Bonbons, Butter, Fleisch, Honig. Ich habe bis jetzt außer Euch noch niemandem geschrieben. Die Zeit ist doch ziemlich knapp bemessen. Jede freie Minute wird zum Schlafen ausgenutzt. Gewaschen wird auch hier nur alle acht Tage. Alles hat bald Vollbärte. Die Stimmung ist aber immer noch ganz groß. Gesundheitlich geht es mir noch gut, was ich auch von Euch hoffe. Ich muss nun schließen, denn der Posten will pünktlich abgelöst sein.

Es grüßt und küsst Euch Euer

Klaus

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Wechsel zu Feldpostnummer 11101D

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Rußland, 25. März 43

Liebe Eltern!

Hier an der Front ist immer noch himmlische Ruhe. Wir werden hier von Tag zu Tag in einen anderen Bunker verfrachtet. Wann das mal ein Ende nimmt weiß keiner. Ich habe jetzt wieder eine neue FP-Nummer: 11101 D.

Gestern waren wir zur Entlausung. Das ist eine Wohltat. Nach sechs Wochen endlich wieder einmal raus aus der Wäsche. Heute gab es Löhnung 35,- RM. 2,- RM hab für KWHW. In nächster Zeit gibt es Luftfeldpost- und  Päckchenmarken. Diese Päckchenmarken klebt ihr auf ein Zwei-Pfund-Päckchen und schickt mir Kuchen.

Herzliche Grüße und Küsse

Klaus

Rußland, 30.3.43

Liebe Eltern!

Es ist eben 3 Uhr morgens. Ich bin gerade abgelöst worden. Meine Wache für diese Nacht ist damit zu Ende. Nun muss ich eine Stunde im Bunker aufbleiben, damit das Feuer nicht ausgeht. In einer Stunde kann man schon viel machen. Ich will sie benutzen, Euch wieder einmal zu schreiben. Mir geht es immer noch gut, abgesehen von einer Erkältung, die ja hier jeder hat. Auch gefällt es mir hier ganz gut. Unsere Stellung, zwischen Kaluga und Orel ist gut ausgebaut. In diesem Abschnitt ist es ganz ruhig. Und doch ist gestern einer durch Halsschuss gefallen.

Seit der Abfahrt von Erfurt führe ich ein kleines Tagebuch. Bis heute habe ich noch keine Post von Euch erhalten. Ich hoffe aber sehr, dass bald etwas kommt (FN 11101 D). Es dauert doch ziemlich lange.

Hier beginnt so langsam das bekannte Tauwetter. Die Laufgräben stehen schon hoch voll. Aber immer kommt noch ein Tag, an dem es schneit. Wir sind richtig von der Welt abgeschnitten. Keine Zeitung, kein Radio, kein Wehrmachtsbericht gibt uns Aufschluss über die Lage. Wir sind ein richtig sturer Verein geworden. Noch begünstigt durch das überaus eintönige Gelände und die Witterung. Dazu kommt noch der Dienst und wenig Schlaf.

Zu essen gibt es genug. Alle unter 21 Jahre erhalten täglich 200 gr. Brot mehr. Sonst gibt es nach wie vor Butter oder Margarine, Büchsenwurst,  Büchsenfleisch, Schweizer Käse, Marmelade und anderes.

Mein augenblicklicher Bestand an Zigaretten beträgt über hundert. Jeden Tag kommen zwölf dazu. Manchmal auch Zigarren, die werden aber gleich geraucht, schmecken besser als Zigaretten. Fast jeden Tag gibt es Schnaps. Unser 306 I.R. ist ja beim Russen als Schnapsregiment bekannt.

Vor kurzer Zeit ließ der Russe durch Lautsprecher in die Stellungen rufen: „Kommt zu uns mit Kochgeschirr und Mantel“. Dieser Satz und noch weitere lösten ungeheure Heiterkeit aus. Durch ein paar Schüsse nahm diese Übertragung ein jähes Ende.

Herzliche Grüße und Küsse von Eurem Klaus


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