Die Brieftaube

Zwei Jahre nach seiner Flucht aus Eberswalde im April 1945 macht sich der ehemalige Schüler Jochen Jaennicke auf die Suche nach seinen alten Kameraden, um gemeinsam mit ihnen noch einmal in Erinnerungen schwelgen zu können. Eingeschränkt durch die neuen Besatzungszonen, schickt er dafür ein altes Schulheft herum, genannt „Die Brieftaube“, und sammelt darin über die Jahre hinweg die ganz persönlichen Geschichten seiner Freunde über das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Nachkriegsjahre und die immer offensichtlichere Trennung von Ost- und Westdeutschland.

Fünfzehn Schüler beobachten in diesen authentischen Briefen eine Ära deutscher Geschichte, über die auch heute noch kaum etwas bekannt ist, jeder aus seinem ganz persönlichen Blickwinkel.


Auszug aus dem Buch:

Regeln für die „Brieftaube“!

1.) Auskünfte über Adressen und sonstiges in der Zentrale anfordern.

2.) Neue Adressen von Kameraden, auch anderer Klassen, an die Zentrale einsenden.

3.) Nicht eigenmächtig neue Kameraden aufnehmen.

4.) Die „Brieftaube“ nicht länger als drei Tage behalten.

5.) Mit dem Inhalt möglichst die Grenze von drei Seiten nicht überschreiten.

6.) Den Inhalt nicht an einen Kameraden richten.

7.) Bei vollem Heft ein neues Heft in der Zentrale anfordern. Das alte Heft geht die Runde noch zu Ende und wird dann an die Zentrale eingeschickt.

8.) In der Bilderecke ein Bild, wenn vorhanden, für einen Rundgang einfügen.

9.) Bei Weitersendung gleichzeitig eine Postkarte an die Zentrale absenden, dass die „Brieftaube“ weitergeleitet ist.

10.) Etwaige Vorschläge und Verbesserungen für die „Brieftaube“ an die Zentrale einsenden.

Die Zentrale der „Brieftaube“:

Jochen Jaennicke

Hannover

Britische Zone

Hannover, den 16.11.1947

Liebe alte Kameraden!

Seit einiger Zeit habe ich den Entschluss gefasst, unsere Kameraden und Lehrer, die von der Heimat vertrieben, im weiten Land zerstreut sind, durch einen Rundbrief zu vereinigen. In der Hoffnung, von allen Seiten großen Zuspruch zu erhalten, schicke ich diese kleine „Brieftaube“ auf den Weg. Von vornherein möchte ich jedoch bemerken, dass es nicht ein Rundbrief ist, um Briefstile und schöne Redensarten zu üben, sondern um die Gemeinschaft unserer ehemaligen Klasse zu wahren. Daher nehme ich an, dass die werte Lehrerschaft nicht etwa Kleinigkeiten oder ihre „hochgeschätzten“ Vornamen, im Laufe des Textes, beanstandet, denn der Berliner sagt: „Mit Humor jeht alles bessa!“.

Ferner mögen sich nicht etwa einige Kameraden beleidigt fühlen, dass ich diese Bahn unserer „Brieftaube“ gewählt habe und nicht die Freunde vorgezogen. Es geschah, um möglichst einen Kreislauf herzustellen. Für die zurückgebliebenen Kameraden in Eberswalde habe ich Frank-Hilmar Meisner als Abgeordneten erwählt, da sonst unser Kreis zu groß würde. Doch nun Schluss mit der Vorrede und zum eigentlichen Zweck der „Brieftaube“.

Als großes Ereignis im Westen ist, wenn auch schon vier Monate her, die Zusammenkunft von Eberswaldern in Meinersen bei Lehrte zu nennen. Die Buchhandlung Hans Langewiesche errichtete dort eine Zweigstelle. Das Treffen, zu dem etwa 120 Personen erschienen, erstreckte sich über drei Tage. Es waren drei Tage schönster Erholung, denn neben den vielen großen und kleinen Wiedersehen gab es reichlich Kunstgenüsse in jeder Form. So hörten wir Lieder, Gedichte und Konzerte. Eine Gaststätte, herrlich ausgeschmückt, stand uns in diesen Tagen zur Verfügung. Die Nächte in Scheunen waren amüsant und ereignisreich. Den Höhepunkt stellte wohl ein Buchverkauf und eine Buchverlosung dar, die vielen das Herz höher schlugen ließ, tatsächlich waren noch „schöne Sachen“ zu vergeben.

Auf dieser Zusammenkunft sind viele Kameraden der Oberschule und des Gymnasiums aufgetaucht. Unter ihnen waren Jürgen Radtke, Klaus Rösner, Friedrich-Wilhelm Mengensen, Wolf Detlev Mertens, Georg von Brunsdorf und Hans Albrecht Kraden, Herbert Altmann und ??? Haken; sowie „Paulchen“ (Herr Theden) und „Hänschen“ (Studienrat Danker). Letzterer hatte mit einigen schönen Werken für die Augenweide gesorgt. Auch vom Lyzeum waren Vertreterinnen anwesend. Dieses Ereignis in Meinersen soll sich nun jährlich wiederholen und vielleicht werden 1948 sich schon Kameraden der „Brieftaube“ dort treffen.

Von folgenden vier Kameraden habe ich auch die Spur aufgenommen: Horst und Wolf Dessner, Hermann Keppler, Wilfried Simonis.

Nun habe ich schon das Maß drei Seiten überschritten. Ich hoffe aber, Ihr werdet es nicht übel nehmen, da die Einleitung reichlichen Platz weg nahm. Sonst im Westen nichts Neues! Mit der Hoffnung auf ein Gelingen des Rundbriefes, verlässt die „Brieftaube“ die Zentrale.

Jochen

Britische Zone

Hameln, 29.11.47

Liebe alte Eberswalder!

Zunächst schlage ich vor, für die „Brieftaube“ ein bedeutend dickeres Heft zu nehmen, zweitens den Kreis bedeutend zu erweitern und nicht einen Kreis von Auserwählten zu bilden. Wir im Westen „eingewanderte dünne Herrenschicht“ werden bei den zu erwartenden schweren Zeiten bald sehr gut gegenseitige Hilfe und unterstützende Verbindung brauchen. Eine Aufnahme von meiner Arbeit im Kartoffelacker bei Harzburg hätte ich gern beigelegt, denn das war mir eine erholsame körperliche Arbeit nach den seelischen Erschütterungen und gab mir das Gefühl, einen neuen Anfang zu machen. Es sollte daher auch hier von neuen Berufen erzählt werden.

Nach der Heimkehr aus englischer Gefangenschaft in Belgien (17.9.45) arbeitete ich im Harz als Holzhauer, Landarbeiter, Dorfmaler und Kunstmaler und kam im Oktober ‘46 in Alfeld an der Leine wieder in den Schuldienst und bin seit Juni ‘47 in Hameln an der Oberschule für Jungen und der für Mädchen. Auf Bahnhöfen, in Eisenbahnabteilen und Restaurants gab es oft ein unverhofftes Wiedersehen mit alten Schülern. „Mensch, sie leben ja auch noch!“. Wie viele unserer Besten sind im ehrlichen Glauben und getreu ihrer Pflicht gefallen? Wir Übriggebliebenen haben keinen Grund für Überheblichkeit. Das Schicksal meinte es gut mit uns. Durch tiefere Kameradschaft sollten wir die ehren, denen oft kaum ein erbärmliches Grab gescharrt wurde.

Wer weiß etwas von Lothar Klagen aus Eberswalde, mit dem ich in Belgien im englischen Lager war? Seit einer Woche sind jetzt auch meine Frau und meine vier Töchter hier in Hameln nach Überwindung zahlloser Scherereien und im nächsten Frühjahr werden die ersten Anfänge einer neuen Malerei weiter ausgebaut. Natürlich werden dann auch Kartoffeln gepflanzt.

Auf ein gutes neues Einvernehmen unter den Verstreuten!

Hans Danker

Sowjetische Zone

Magdeburg, den 3.12.1947

Liebe Kameraden!

Durch die „Brieftaube“ ist uns endlich die Gelegenheit gegeben, miteinander wieder in Fühlung zu gelangen. Wenn uns auch die Zonengrenzen trennen, so können wir doch durch dieses Heftlein die alte Kameradschaft festigen, die durch das jähe Kriegsende zerrissen wurde. So wie ich von Euch gerne wissen möchte, was aus dem einzelnen von Euch geworden ist, wollt Ihr sicherlich auch wissen was aus Eurem „Brammel“ geworden ist.

Am 20.4.45 machte ich mich zusammen mit meinen Eltern auf die Flucht. Wir flohen bis nach Lauen-burg/Elbe. Dort stießen wir auf den Engländer, der uns gefangen nahm. Am 1.7.45 übergab dieser das Gebiet dem Russen und wir fielen somit in russische Hände. Daraufhin traten wir wieder unseren Rückmarsch nach Biesenthal an. Bis März 1946 ging ich in Eberswalde noch zur Schule. Am 1.7.46 siedelte ich hierher, nach Magdeburg, über. Am 6.8.46 trat ich dann in die Bäckerlehre ein und verbleibe dort bis 6.8.1949. Ich hoffe, dass ich anschließend noch als Konditor und Koch gehen kann. Das wäre alles, was ich über mich zu berichten habe. Ein Bild kann ich leider nicht mit einsenden, da ich nicht im Besitz eines solchen bin. Doch nun will ich schließen. Seid in alter Kameradschaft gegrüßt von Eurem

Eberhard Schäfer

Amerikanische Zone

Berlin-Tempelhof, den 11.12.47

Liebe Kameraden!

Auch ich begrüße das Erscheinen der „Brieftaube“ sehr. Wie es so vielen von Euch gegangen ist, so traf auch mich nebst meinen Eltern das Schicksal, unsere Heimat Biesenthal zu verlassen. Am 20.4.45 flüchteten wir nach Berlin-Tempelhof. Ich bin nun hier bis zum 3.9.1946 zur Schule weiter gegangen und habe dann vorgezogen, die Lehre anzutreten (1.11.46-1.11.49). Und zwar Elektroinstallateur. Ich habe mal die Absicht meinen Ingenieur zu machen.

So, liebe Kameraden, ich hoffe, nun mit diesen kurzen Worten den Kontakt mit Euch aufgenommen zu haben. Ich selbst habe schon während der ganzen Zeit darüber nachgedacht, wie ich wohl mit all den alten und jungen Kameraden aus der Eberswalder Schule in Verbindung treten könnte. Es freut mich außerordentlich, dass es Jochen Jaennicke war, welcher die „Brieftaube“ ins Leben gerufen hat. Möge sie es schaffen, die Kameradschaft zwischen uns für immer aufrecht zu erhalten.

Damit will ich schließen, und grüße Euch bis zum eventuellen Wiedersehen in Meinersen, Euer

Joachim Pritschert

Sowjetische Zone

Biesenthal, den 24.12.47

Liebe Kameraden.

Es ist heute „Heiliger Abend“. Wie freuten wir uns früher auf dieses Fest, als wir mit strahlenden Augen an den Weihnachtsbaum traten und unsere Gaben betrachteten. Aber diese Zeiten sind nun vorbei. Es ist jetzt sogar so weit, dass man sich nicht einmal mehr satt essen kann.

Wir, die früher an einem Feiertage zu unseren Kameraden gingen, um gemeinsam das Fest zu feiern und zu plaudern, sind jetzt weit zerstreut, vom Winde verweht, durch die Zonengrenzen getrennt. Wie gern möchte ich, wie wohl jeder von uns auch, mit den alten Freunden beisammen sein, so wie damals im K.L.V.-Lager, wo wir eine schöne sorgenfreie Zeit verbrachten, aber es geht leider nicht. Doch wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, denn es werden für Deutschland und dann auch für uns noch einmal bessere Zeiten kommen.

Das Schicksal ist ja bei fast allen von uns das gleiche gewesen. Auch ich flüchtete mit meiner Mutter und meinen Verwandten mit einem Treckwagen bis nach Wismar, wo uns der Engländer gefangen nahm. Dort standen wir und noch viele hundert Treckwagen mehr, eng aneinander fünf Wochen lang auf einem Kornfeld. Zwischen den Wagen waren die Pferde angebunden, dort kochten und schliefen wir (wie die Zigeuner). Als dann die Brunnen in der Nähe erschöpft waren und Typhus ausbrach, durften wir weiterziehen. Wir fuhren dann nach Salem, einem Dorf bei Ratzeburg (Schleswig). Dort arbeitete ich dann ein Vierteljahr lang bei den Engländern. Das war ein wunderbares Leben, bis ich dann Scharlach und Gelbsucht bekam und ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Nach acht Wochen wurde ich wieder entlassen und „reiste“ mit meiner Mutter und meinem Vater, der uns inzwischen wieder gefunden hatte, der Heimat zu. Nun gehe ich wieder unter den schwierigsten Umständen zur Schule (Klasse 10). Von morgens früh (6 Uhr) bis abends (zwischen 8-10 Uhr) spät bin ich unterwegs, da ein Personenzug zwischen Bernau, Angermünde, Wriezen und Joachimsthal verkehrt. Dieser Zug besitzt nun eine einzige alte Rangierlok, die tagein, tagaus dieselbe Strecke fährt und andauernd entzwei ist. In der Schule hat sich auch alles geändert. Wir stehen unter dem Russen und müssen in jeder Woche ein paar Mal seine „Visiten“ im Unterricht erdulden.

Sonntags geht man dann ins Kino oder Tanzen und der Rummel beginnt am Montag wieder von Neuem. Nun will ich schließen, da ich mit Schrecken bemerke, dass ich drei Seiten schon überschritten habe. Viele herzliche Grüße und ein gesundes, neues Jahr wünscht Euch

Günter Derber

Sowjetische Zone

Biesenthal, den 1.1.48

Liebe Freunde!

Im April sind drei Jahre verstrichen, seit sich unsere Wege trennten. Schon kurz nach Aufnahme der Post gelang es mir, mit etlichen Kameraden Verbindungen aufzunehmen. Wie erfreut war ich als der erste Brief von Paulchen bei mir eintraf! Warum beteiligt er sich denn nicht an der „Brieftaube“? Ganz besonders erfreut aber war ich, als ich neulich die Tante von Günter holte, und dabei entdeckte, das auch Günter, Wolfgang und Hänschen sich beteiligen wollen. Von Eurem Geschehen, liebe Kameraden, bin ich also ganz besonders begierig zu hören. Also, Schluss mit der Einleitung. In medias res! Ich will Euch nun mein Geschehen, mein Leben bis jetzt schildern, wie das auch die anderen Kameraden vor mir getan haben.

Am 22. April 1945 früh um 5 Uhr kamen etliche Panzer der Roten Armee in unsere Kleinstadt, bald darauf Infanterie und Reiterei. Gegen 7:30 Uhr fing man an, uns zu „befreien“, und am Abend besaßen wir nichts mehr. Vier Tage wurde noch weiter geplündert. Danach begann ich im polnischen Feldlazarett zu arbeiten, dass man bei uns im Polizeilager errichtet hatte; aber darüber später. Am 4. Juli wurde mein Vater verhaftet, am 2. August aber wieder entlassen, weil er an Unterernährung litt. Da wir anfangs zusammengearbeitet hatten, stellte ich dort auch meine Arbeit ein und verdingte mich als Bauernbursche. Am 19. Juli traf Brammel wieder ein. Am 1. August wollten wir nach Eberswalde fahren, taten es aber der Unsicherheit wegen nicht, sondern fuhren erst am 21. September. Melzer war damals (bis vor kurzem) Direx. Er teilte uns mit, wie ich auch schon gehört hatte, dass man die Schule schon aufgenommen hatte, aber des Typhus‘ wegen wieder einstellen musste. Am 1. Oktober wurde dann aber doch mit dem Unterricht begonnen. Anfangs fuhr nur Brammel und ich, und wenn Du, lieber Brammel, diese Zeilen liest, will ich Dich nur an die Affäre im Pinnowhotel am 12. Oktober 1945 erinnern. Kurz, es wurden wieder mehr Kameraden. Am 2. Dezember kam Günter Derber zurück, und wir fuhren wieder wie früher zusammen. Am 2. September 1946 ging ich nach Bernau, um mich dort als Schüler anzumelden. Weshalb, davon später. Zurzeit bin ich in der 11. Klasse (alte Rechnung 7. Klasse). Ich wohne in Bernau, meine dortige Adresse füge ich vorn ein. Sonst geht‘s mir danke.

Und nun, liebe Kameraden, lebt wohl und Prost Neujahr! Euer

Wolfgang


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