Helle Nächte, dunkle Tage

Helle Nächte, dunkle Tage

Als achtjährige Halbwaise durch bloßen Zufall von seiner Familie getrennt und schwer traumatisiert, erlebt der kleine Wernerle das Ende des Zweiten Weltkriegs alleine und tief versteckt in Feindesland. Erst Jahre später wird er nach einer atemberaubenden Flucht zu ihnen zurückfinden können, doch da ist es für ihn bereits zu spät. Zwar überlebt er Hunger, Kälte und Erschießungen, doch auch siebzig Jahre später ist die Flucht für ihn noch lange nicht vorbei. Er ist ein Suchender geblieben, einer der letzten seiner Generation. In diesem Buch erinnert er sich in Form von Gedichten, Texten und Zeitdokumenten an seine Kindheit und erzählt erstmals seine ganze, unglaubliche Geschichte.


Auszug aus dem Buch:

Die Zeiten in Breslau waren immer härter geworden, Lebensmittel gab es mittlerweile nur noch rationiert und mit Bezugsschein und am Striegauer Platz war unlängst ein Bunker errichtet worden, in dem die Menschen der Nachbarschaft immer öfter Schutz suchen mussten.

Ich zieh mich aus. Du hast einen Stuhl mit einer Rückenlehne, und dann fängst du an. Unterhose, Unterhemd, Hemd, Oberhemd, Hose, Socken, alles musste immer hundertprozentig richtig liegen. Denn wenn die Sirene ertönte, mussten wir ja in zwei Minuten schon fertig angezogen sein, damit wir losgehen konnten.

So habe ich das erlebt. Ich musste das genauso machen, wie meine Geschwister. Losgehen, in den Bunker und dann herrschte Stille. Du saßt da drin, bis du irgendwann die Nachricht gekriegt hast, dass du wieder nach Hause gehen kannst. Wie die das gemacht haben, weiß ich nicht, ob da eine Sirene anging oder ob das nur mündlich war, das weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass man stundenlang da im Bunker gesessen hat. Und du konntest nur dasitzen. Jeder hatte eine Tasche voller Sachen dabei. So schlimm war das nicht, das haben wir einfach locker gemacht jedes Mal.

– Werner Leuschner

Die Lage spitzte sich immer weiter zu und im August 1944 wurde Breslau schließlich endgültig zur „Festung“ erklärt. Die Juden wurden bereits seit Jahren immer wieder in Schüben deportiert und in die nahe gelegenen Außenlager des KZs Groß-Rosen deportiert. Synagogen wurden in Brand gesteckt und bei der FaMo, der Firma in der Werners Vater einst gearbeitet hatte, standen längst Zwangsarbeiter am Band und bauten Flugzeugmotoren.

Es war einfach kein Umfeld mehr für ein Kind, aber wo gab es das momentan überhaupt noch? Die Stadt war jedenfalls nicht mehr sicher, und deshalb ordnete Gauleiter Hanke die Kinderlandverschickung an.

Hunderte von Kindern wurden daraufhin von ihren Eltern zum Bahnhof gebracht, und auch Werner und sein Bruder Kurt fanden sich bald auf dem Bahnsteig wieder. Werner schwenkte fröhlich seinen Persil-Karton hin und her, den seine Mutter ihm anstelle eines Koffers mitgeben musste, und keines der Kinder verstand, wieso die Erwachsenen alle weinten. Man plante schließlich einen Ausflug, das war doch eine tolle Sache in einer Zeit, in der die Kinder sonst nicht viel anderes machen konnten, als Granathülsen und Bombensplitter zu sammeln.

Der Kurt, mein älterer Bruder, der musste überall hin, wo die Bomben eingeschlagen sind und Metall sammeln. Die Granaten schossen ja wie die Teufel, da siehst du dann die ganzen Splitter rumliegen. Man hat ein Säckchen dabei und dann hieß es immer nur: sammeln, sammeln, sammeln. Das hat der Kurt immer gemacht. Ich nicht, aber von ihm weiß ich das. Ich bin manchmal aber mitgegangen, denn damals gab es noch keine Bombenangriffe, die ganze Stadtteile vernichtet haben. Im Radio hieß es dann immer nur: „Heute waren die Bomben im Westen von Breslau, in der und der Straße gab es Einschläge“. Da konnte der Kurt dann hin und Splitter sammeln gehen.

Die wurden irgendwo aufbewahrt, weil man da ja wieder Waffen draus machen konnte. Ob was passiert ist, weiß man nicht, denn als die letzten Kriegsjahre da waren, war das alles nur noch Spielerei. Und sammeln mussten wir halt. Das haben die Schulen alle gemacht, die kamen mit ihren Beuteln und brachten das dann weg. Denn unsere Flak, die hat gut geschossen in Breslau.

Das habe ich mir oft angeguckt, wenn die russischen Flieger kamen. Da gingen die Scheinwerfer an, gingen am Himmel lang … „Ach da ist ein Flugzeug“ … das wurde dann eingefangen und verfolgt, und dann schossen die die Granaten in den Himmel. Das habe ich gesehen, wenn die mit den Scheinwerfern den Himmel nach feindlichen Flugzeugen abgesucht haben. Es gab aber auch Aufklärer, die haben keine Bombenangriffe gemacht, sondern nur gesucht. Die haben die Gebiete ausgesucht, sie gefilmt und dann kriegten die Piloten Anweisungen, was sie machen müssen.

– Werner Leuschner

Es war für die Kinder also eine große Erleichterung, als sie Breslau endlich verlassen durften, um in den umliegenden Dörfern Schutz zu suchen. An den Bahnsteigen herrschte reges Treiben. Mütter weinten, Lehrer versuchten, ihre Schar zusammenzuhalten, die Kinder sangen, spielten und liefen ausgelassen umher. Es wirkte eher wie ein großes Volksfest, und hätte es nicht die Bombenschäden rund um den Bahnhof herumgegeben, hätte man meinen können, alles wäre nur ein Spiel gewesen. Die Kinder stiegen irgendwann in die Waggons, die Eltern winkten zu den halb offenen Fenstern hinauf und reichten ihnen noch letzte Kleinigkeiten.

Die Erwachsenen versuchten natürlich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, denn wenn die Kinder erst einmal weg waren, was hätte man denn dann noch? Man würde zurückgehen müssen in eine Stadt, die immer mehr zerstört wurde, wo Kirchen und ganze Straßenzüge von den eigenen Leuten gesprengt wurden, um Platz für die landenden deutschen Maschinen zu schaffen und Ziele für den Feind von oben unkenntlich zu machen.

Fliegeralarm gab es nun fast jede Nacht, und immer mehr Meldungen von Toten und Verletzten machten die Runde. Man wusste nie, ob man am nächsten Tag nicht selbst nur noch eine Zeitungsmeldung oder ein Gerücht sein würde. Aber all das konnte man den Kindern natürlich nicht sagen, die jetzt singend und klatschend in den Wagen saßen.

„Wir fahren gegen England“ war eines der Lieder, die nun immer wieder angestimmt wurden, um die Stimmung aufrecht zu erhalten, und bald darauf setzte sich der Zug in Bewegung. Ein letztes Winken, dann verlor man sich aus den Augen. Der Zug fuhr in Richtung Osten, unverständlicherweise der Front entgegen, doch das interessierte in diesem Augenblick wohl niemanden. Denn auf dem Lande waren die Kinder bestimmt sicherer als hier, und wenn der Feind erst einmal zurückgeschlagen worden war, würde man sie schnell wieder zurückholen. An ein Verlieren des Krieges wollten noch immer die wenigsten glauben, und selbst, wenn man insgeheim nicht sicher war, eine Wahl gab es doch sowieso nicht.


Das Buch kann vom Zeitzeugen selbst signiert und in limitierter Auflage direkt über diese Website bezogen werden!

Das Buch online kaufen (Externe Links):

Oder noch besser einfach im Buchladen um die Ecke (Ein Herz für den Einzelhandel)!