Sonst geht es mir noch gut

Im März 1943 wird der erst 18-jährige Funker Klaus Heine zum Einsatz an die russische Front geschickt. Zwei Jahre lang schreibt er von dort regelmäßig an seine Familie daheim in Frankfurt, und man kann anhand seiner Schilderungen hautnah miterleben, wie aus dem einst fröhlichen Jungen ein abgekämpfter Frontsoldat wird, der das Ende des Krieges trotz aller Hoffnungen und Träume scheinbar nicht mehr erleben darf. Klaus Heine schreibt seinen letzten Brief aus einem unter Beschuss stehenden Lazarett, am 1. Advent 1944.

Gegen Rechts! Gegen das Vergessen!

 

Auszug aus dem Buch:

Russland, 15. Juni 1943 (Ingeleins Geburtstag)

Meine Lieben!

Gestern und vorgestern war Pfingsten.  Für mich zwei Feiertage, von denen ich den zweiten niemals vergessen werde. An diesem zweiten Pfingstfeiertag machte ich meinen ersten Stoßtrupp. Und zwar ging das folgendermaßen zu:

Am 14. Juni 5 Uhr Wecken. Um 6 Uhr marschierten wir in der Feuerstellung mit drei Geschützen und Fernsprechgerät ab. Nach einem Marsch von 15 Kilometern hatten wir die Stoßtruppenausgangsstellung erreicht. Sogleich wurde Kabel von der Feuerstellung bis dorthin gezogen. Vor der Palisade war nun alles versammelt. Die Infanteristen und eigentlichen Stoßtruppmänner waren verkleidet wie die Indianer. In getarnten Hemden, das Gesicht grün angestrichen, den Stahlhelm mit grünem Laub getarnt. So gingen die Männer pünktlich 11 Uhr über die Palisade, mit der Knarre, M.P. oder Pistole bewaffnet. Kein Koppel, die Munition in der Hosentasche. Sprengstoff in Beuteln um den Hals gehängt. Um 11.30 Uhr ging auch ich wie die anderen Männer mit Pistole und Fernsprechgerät bewaffnet mit dem Kompanie-Chef über die Palisade, um im Vorfeld eine Wechsel-B.-Stelle zu errichten. In geduckter Stellung gingen wir der russischen Stellung entgegen. Fünfzig Meter vor dem russischen Draht gingen wir in Stellung. Bis hierhin hatte ich auch Draht gezogen. Hier baute ich nun meine Fernsprechstelle ein. Es war inzwischen 12.30 Uhr geworden. Unsere Pioniere schnitten jetzt den Stacheldraht durch ohne daß der Russe etwas merkte. Dann fiel der verabredete Schuß und mit „Hurra“ wurde die russische Stellung gestürmt. Der Tagesposten gefangen genommen. Nun wurden drei Bunker mit der Besatzung beim Mittagessen gesprengt. Unsere I.G. schoss nun Sperrfeuer während sich unser Stoßtrupp zurückzog. Jetzt wurde aber auch der Russe wach. Mit Ari, SGW und Ratsch-Bumm versuchte er unseren Rückzug abzuschneiden. Ein Höllenzauber, wie ich ihn zum ersten Male hörte, vollzog sich hier. Den ausgelegten Draht ließen wir alle zurück. Nur aus dem Bereich der russischen schweren Waffen zu kommen, war unser allererster Gedanke. Um 15 Uhr hatte sich der Russe wieder beruhigt. Der Stoßtrupp war erfolgreich abgelaufen. Der Zweck erfüllt. Mit Stolz auf unsere getane Arbeit gingen wir vergnügt nach Hause. Das war mein erster erfolgreicher Stoßtrupp. Noch so zwei und Euer Bub bekommt das EK II. Das ist bei der I.G. so üblich (Eine Zigarette hat meine Nerven kolossal beruhigt). Das war etwas, was vielleicht nur Vater interessieren wird. Für die Mutti schicke ich morgen 100gr. Bohnenkaffee ab, damit sie sich von diesem Brief wieder erholt.

Es grüßt und küsst Euch alle herzlichst Euer

Klaus

 

Russland, 21.7.43.

Meine Lieben!

Am 11. Juli war hier ein großer Angriff des Russen. Es ging hier „schaurig rund“. Entschuldigt bitte, wenn ich kein anständiges Papier habe. Meine ganzen Schreibwaren hat der Iwan, und das kam so:

In der Nacht vom 10. zum 11. Juli startete ein Großangriff russischer Bomber und Jäger auf unsere Stellungen. Ununterbrochen warf der Iwan Leuchtschirme und Bomben. Wir bekamen alle eine leise Ahnung von einem kommenden Angriff. Und wirklich: 2.40 Uhr beginnt ein Trommelfeuer, wie es noch nie da war. Schwerste, schwere und leichte Ari, Granatwerfer, Ratsch-Bum und die Stalinorgeln warfen ihre Geschosse auf unsere Stellungen. Alles wurde umgepflügt. Die Drahtverbindung von der B.-Stelle zur Feuerstellung war längst zerstört.

Unter diesem Feuer machte ich mich nun mit noch einem Kameraden auf Störungssuche. Wir haben bald an 50 Stellen geflickt. Als wir in der Feuerstellung ankamen, war die Leitung wieder kaputt. Nun setzt das Feuer erst richtig ein. In einem Bunker suchen wir Schutz. Da kommt die Meldung durch: Der Russe ist eingebrochen! Sofort machen wir unsere Geschütze feuerbereit. Alles schleppt Munition herbei, auch ich. Wir schießen was die Rohre nur hergeben. Der Stellungs-Uffz., der Geschützführer und ein Mann fallen. Ich habe inzwischen mein Funkgerät fertig gemacht, und suche Verbindung mit der B.-Stelle aufzunehmen. Ohne Erfolg!

Gegen Mittag lässt das Feuer nach. Ich gehe zur B.-Stelle zurück! Unsere B.-Stelle hat einen Volltreffer bekommen. In sämtlichen Bunkern sieht es aus als hätte ein Erdbeben geherrscht. An diesem Abend fällt noch unser Zugführer. Die nächste Nacht wieder dasselbe Spiel wie vorher. Wir verlegen unsere B.-Stelle wegen starkem Beschuss und lassen alles zurück. Briefpapier, Kochgeschirr, Feldflasche, Decken, Zeltplanen und wer weiß was noch, alles bleibt zurück. Nun geht der Zauber erst richtig los. Es ist ein Beben ohne Ende. Gegen 4 Uhr hat der Russe unseren ersten Graben besetzt und stößt weiter nach. Uns bleibt nichts anderes übrig als zu türmen. Der Russe hinter uns her.

Nach 10 km Dauerlauf suchen wir unseren Troß auf, und finden ihn auch. Wir werden verpflegt und kommen in eine Bereitschaftstellung. Am nächsten Morgen werden wir als Infanteristen eingesetzt. Auch hier können wir der Übermacht des Russen nicht standhalten. Die ganze Nacht marschieren wir bis Tupic, ungefähr 30 km. Bis Tupic haben wir damit 50 km zurückgelegt. In Tupic schloß ich mich der V.-Komp. an, die mit Pferdefuhrwerken abermals 50 km zurückfahren. Am nächsten Morgen werden wir zur Sammelstelle für Versprengte geschickt. Unterwegs erfahren wir, daß dort nichts los ist. Wir gehen zur Veterinär-Komp. zurück und reiten mit der Komp. zwölf Stunden bis in ein Dorf, wo auch unser Troß liegt. Die ganze Nacht ritten wir. Am 15.7. kommen wir bei unserem Troß an. Hier findet eine großartige Begrüßung statt. Man nimmt uns, die „Totgeglaubten“, mit großem Hallo auf. Nach zwei Tagen werden wir abkommandiert zur Versprengten-Sammelstelle als Einweisungskommando, wo ich auch jetzt noch bin. Ich kann Gott danken, daß ich noch mit heiler Haut aus dem Chaos herauskam.

Es grüßt und küsst Euch herzlichst Euer

Klaus

 

Das Buch ist als Printausgabe und natürlich auch als E-Book erhältlich!