Gestern war wieder der Herrgott bei mir

Gestern war wieder der Herrgott bei mir

Wir zogen in ein Kaff, das schon dreimal von den Russen bombardiert wurde, ein. Um ½ 7 Uhr kamen die Hunde wieder, zehn Bomber und drei Jäger. Keine Flieger von uns zu sehen, und keine Flak zu hören. Kamen wie bei einer Parade angeflogen, und warfen ca. dreißig Bomben ab. Fünfzehn in unserer Nähe, in einer Entfernung von 10-15 Metern. Nun da war mir aber anders, da hat die Erde nur so gezittert, um uns spritzte der Dreck, dass es eine Freude war. Waren zwei Mann, siebzehn Pferde und zwei Kinder tot. Jetzt bin ich wieder froh und gesund …

Der Wiener Leopold Bigl wird 1942 zur deutschen Wehrmacht eingezogen, und von München aus nach Russland an die Front geschickt. Dort baut er Fernmeldeleitungen, und kann sich die Schrecken des Krieges in den ersten Monaten scheinbar noch recht gut vom Leibe halten. Doch Brief für Brief lässt sich verfolgen, wie sich die Kriegslage über die Monate hinweg kontinuierlich verschlechtert, und wie der Kampf ums nackte Überleben für Leopold immer mehr in den Mittelpunkt rückt.


Auszug aus dem Buch:

Osten, den 27.VIII.44.

Liebe Eltern!

Herzlichen Dank für Eure zwei Briefe, den einen erhielt ich am 24.8., den anderen gestern, heute Sonntag werden sie beide beantwortet. Den Rasierapparat habe ich schon bekommen. Das andere werde ich Euch wieder zurücksenden, Werde ihm schreiben wann er sich das Kriegsende vorstellt, vor zwei Jahren hat er schon gesagt der Krieg wird aus. Der schöne gute Atlantikwall, Rumänien und die anderen Sachen die in der letzten Zeit geschehen sind. Lieber Papa, ich werde Dir wieder ein Paket Tabak senden. Wir bekommen neun Stück, das ist Grabenstärke, oder Viertel Paket Tabak am Tag. Hoffentlich wird bald der Krieg zu Ende. Bei uns ist es einige Tage ganz schön zugegangen, jetzt ist wieder bisschen Ruhe. Sonst geht es mir noch gut, auch gesundheitlich, was ich auch von Euch hoffe. Grüße an alle von Germania. Für heute seid recht lieb gegrüßt, Euer Sohn

Leopold

Osten, den 2.IX.44.

Liebe Eltern!

Herzlichen Dank für Euren lieben Brief vom 25.8., den ich heute mit großer Freude bekam. Ersehe aus Eurem Schreiben daß die Flieger in Wien wieder Schaden angerichtet haben, auch daß die Sachen angekommen sind. Bei mir sind auch die Pakete eingetroffen. Das eine habe ich wieder retour geschickt, da ich solches schon hatte. Sowie habe ich ein Paket Tabak meinem lieben Papa abgesandt. Hoffe daß es richtig eintrifft, sind einige Zigarren dabei. Wo bleiben meine Photos? Sind bis heute noch nicht angekommen. Mit Urlaub brauchst Du gar nicht rechnen, ist doch noch gesperrt, und bis ich an der Reihe bin, wer weiß was da schon alles ist. Wenn der Urlaub nicht gesperrt gewesen wäre hätten wir uns diesen Monat gesehen. Gestern waren es schon wieder fünf Monate wo ich in diesem elendigen Land bin. Was sagt Hans Onkel zur Lage, besonders in Frankreich, der schöne Atlantikwall, jetzt kommen sie ja schon bis ins Reich, diese Hunde. Soll mir schreiben, wie er sich das alles noch vorstellt. Werde ihm, wenn ich mehr Zeit habe, auch wieder einige Zeilen schreiben. Laß mir Frau Schäffer schön grüßen. Wenn sie Dir die Photos nicht bald sendet werde ich es ihr gewaltig beibringen. Gruß an alle bei Germania, sowie an alle zu Hause und gegenüber. Für heute die herzlichsten Grüße, Euer Sohn

Leopold

Osten, den 6.IX.44.

Liebe Eltern!

Vor allem die herzlichsten Grüße, daß ich Euch noch schreiben kann verdanke ich dem Herrgott. Vorgestern war ein Tag für mich der nicht immer so gut vergeht wie er zum Glück vergangen ist. Stellt Euch vor, wir sind in der neuen Stellung, sind fertig, haben alles vorbereitet, und wollen uns hinlegen da wir die ganze Nacht marschiert sind, da rollen in der Straße Panzer so vier Meter von uns vorbei. Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, und immer zu. Wir raus in Graben, doch auf der Straße rollt noch Panzer um Panzer, bei 130-140 Stück. Stalin Panzer wie T34. In der Wochenschau wirst Du ja schon etliche gesehen haben. Was das für ein Gefühl ist werdet Ihr Euch ja vorstellen können. Noch nie einen Panzer sehen, und dann so viele auf einmal. Das tollste vom tollen, zweimal über Dir so ein Koloss und Du unten mit dem Funkgerät. Wenn Du wüßtest wie mir da war, nur noch in Gedanken bei Euch. Jetzt kann ich es ja schreiben, ist ja alles vorbei. Dann raus aus dem Graben in Wald rein, alles war schon weg, das Funkgerät muß mit, sonst geht’s um meinen Kopf. So schaut’s aus bei uns. Durch Sumpf kriechen und Wasser, todmüde bin ich umgefallen. Wie ich aussehe kannst Du Dir ja denken, nicht so wie im Urlaub. Aber es wird auch die Zeit kommen, wo es wieder besser gehen wird. Was sagt Ihr über Westen? Saarbrücken aufgegeben, und die anderen Sachen. Hans Onkel wird das Gesicht verziehen schön langsam, möchte ihn gerne jetzt sprechen, vor zwei Jahren hat er gesagt es wird bald der Krieg aus, aber so geht’s nicht mehr lange. Für heute grüße mir alle, die herzlichsten Grüße, Euer Sohn

Leopold

Im Felde, den 16.IX.44.

Liebe Eltern!

Am Anfang die herzlichsten Grüße von mir. Sende heute ein Paket mit Zigarren ab. Sind so vierzig Stück, gute und etwas schlechtere, doch zum Rauchen ausgezeichnet. Weiters habe ich vier Päckchen Tabak, die auch Richtung Heimat gehen, hoffe daß sie gut ankommen. Ist eine kleine Freude für Papa. Die Front denkt an die Heimat, oder besser gesagt, ein treuer Sohn denkt an seinen lieben Papa. Sonst geht es mir gut, nur hab ich auf der rechten Seite von oben bis unten Rheumatismus, daß ich mich nach jeder Zeile strecken muß, sowie ganz gemeinen Durchfall. Sind seit gestern in unserem Bunker, mit Wohn- und Schlafraum getrennt durch eine gehobelte Wand, Regale für unsere Sachen und sonstige Scherze, wie in einem feinen Wohnraum, nicht einmal unser Adjutant hat so einen schönen Bunker. Werde einige Aufnahmen machen. Innen kann ich leider keine machen. Sonst ist es sehr schön draußen, nur wird es schon langsam in der Nacht kalt. Wie geht es Euch? Ich hoffe daß Ihr noch gesund seid. Gruß an alle. Seid nicht böse wenn ich ende, aber es geht nimmer. Herzliche Grüße, Euer treuer Sohn

Leopold

Im Felde, den 25.IX.44.

Liebe Eltern!

Heute möchte ich Euren Brief vom 17.9. näher beantworten. Das ich am Narew liege wirst Du ja wissen, sonst ist es hier sehr ruhig, was ja so bleiben könnte. Gesundheitlich geht es mir noch gut, was ja die Hauptsache ist. Wie geht es Euch? Waren die Flieger schon wieder bei Euch? Was Hans Onkel berichtet hat könnt Ihr Euch ja denken, aber der sitzt ja weit vom Schuß, er hat umher anderen geschrieben, daß wenn er auch dran kommt seinen Mann stellen will. Mit einem Wort er hat sich schon bei den Toten gesehen, als bei uns kämpfenden. Wenn Ihr in der Wochenschau einmal seht von der Verleihung des „Infanterie-Regiment List“, das ist unser Regiment. Den Brief vom Onkel habe ich nicht mehr, habe ihn gleich vernichtet. Auch habe ich gestern einen Brief von der Tante aus Villach und Zeitungen von Euch erhalten. Meine Schrift müßt Ihr noch entschuldigen, da mein Rheuma noch nicht ganz gut ist. Freue mich schon auf die Photos. Habt Ihr die Pakete mit Tabak und sonstigen Sachen schon erhalten? Schreibt mir gleich. Ist die Frontspende September. Habe schon wieder zwei Päckchen bereit, aber nichts zum verpacken. Hansl hat bei mir ausgeschißen (Landessprache), ich schreib ihm nicht eher bis er was hören läßt. Hat Emmi schon nach Hause geschrieben? Herzliche Grüße an Steffi sowie an ihre lieben Eltern, auch sonst alle die mich kennen. Für heute die herzlichsten Grüße, Euer treuer Sohn

Leopold

Im Felde, den 28.IX.44.

Liebe Eltern!

Herzlichen Dank für Eure zwei Briefe vom 19.9. und 21.9., die ich gestern mit Zeitung sowie zwei Päckchen Keks, die sehr gut geschmeckt haben, bekommen habe. Auch von Franz Bartholner habe ich einen Brief gestern erhalten. Freue mich daß Papa alle Pakete bekommt, sind aber noch welche auf Fahrt. Der Tabak kann ihm ja gar nicht ausgehen. Sende ihm morgen wieder zwei Päckchen. Seit den drei Päckchen und Zigarren (vierzig Stück) habe ich noch nichts weggeschickt.

Heute beim Mittagsschlaf wurde ich ans Telephon gerufen, habe müßen zum Bataillon wo mir vom Kommandeur das EK II an die Brust gehängt wurde, weiters bin ich Obergefreiter geworden und habe eine große Tafel Speiseschokolade bekommen. Also Ihr seht, ich hab’s auch erreicht, wenn’s auch sehr lange gedauert hat. Jetzt sitze ich beim Bataillon und schreibe Euch diese Zeilen, die Kopfhörer um, die mir zur Feier des Tages die fröhliche Musik spenden. Sonst geht es mir noch gut, die Schmerzen vom Rheuma haben schon etwas nachgelassen. Wie geht es Euch? Seid Ihr noch gesund? Wo arbeitest Du, meine liebe Mama? Hoffentlich nicht schwer. Grüß mir alle recht herzlichst. Für heute die herzlichsten Grüße, Euer treuer Sohn

Leopold


Das Buch online kaufen (Externe Links):

Oder noch besser einfach im Buchladen um die Ecke (Ein Herz für den Einzelhandel)!