Gelebt habe ich in diesen Tagen

Wir haben, als wir draußen auf See waren, auch Fische gefangen. Aber auf eine andere Art und Weise. Und zwar so: Wir hatten noch einige alte Wasserbomben an Bord, die sollten unbedingt weg. „Wumm, Wumm“ machte es zweimal. Der Pott ging sofort auf Gegenkurs, um an die Wurfstelle zurückzukommen. Und dort sahen wir die Bescherung. Fische aller Art und Größe wimmelten da an der Wasseroberfläche herum. Die Seemänner gingen sofort mit Flößen und Booten außenbords und brauchten nur so zu fischen, was bei dem Seegang nicht gerade leicht war„.


Als Horst Handke 1943 zur Unteroffiziersausbildung in die Marineschule in Mürwik einrückt ist er jung und voller Tatendrang. Mit Begeisterung schreibt er seinen Eltern zahlreiche Briefe, in denen er nicht nur den Schulalltag in Mürwik schildert, sondern auch das Leben auf den Zerstörern „Z-34“ und „Z-28“, auf die er während seiner Ausbildung versetzt wird! Nahtlos lässt sich so sein Werdegang verfolgen – bis zur Versenkung von „Z-28“ am 6. März 1945, nur fünf Tage nach Horsts letztem Brief.


Auszug aus dem Buch:

An Bord, d. 7 Januar 1945.

Ihr lieben Alle!

Heute, Sonntagnachmittag, will ich nun endlich den versprochenen Reisebericht starten. In Br. kam der Zug mit einer halben Stunde Verspätung an. Mit viel Mühe hatte ich mich dann in den Wagen hineingezwängt, als auch bald darauf der Zug abfuhr. Die Reise wurde aber zum Ärgernis aller, am Ostbahnhof für eine Stunde unterbrochen, weil die Lokomotive höchstwahrscheinlich einen Maschinenschaden hatte. So kamen wir dann mit beträchtlicher Verspätung in Magdeburg an. Bis hierhin hatte ich also gestanden; so eng, daß man nicht einmal den Fuß umsetzen konnte.

Als aber in Magdeburg der Wagen vorübergehend leer geworden war, hatte ich Glück! Es waren zwar noch alle Sitzplätze belegt; eine jüngere Dame aber, die bis jetzt auf ihrem stabilen Koffer gesessen hatte und mich während der Fahrt vorher schon immer mitleidig anschaute, bot mir ihren bescheidenen Sitzplatz an, den ich selbstverständlich sofort annahm! Da der Zug bis Potsdam wieder so brechend voll geworden war, stiegen wir – jene Dame und ich – hier aus. Hier ließ ich mir auch sofort die Verspätung, es waren 240 Minuten, bescheinigen und erfuhr zu meinem Schrecken, daß ich erst anderntags 8:33 Uhr weiterfahren kann. Wie sollte ich nur die Nacht verbringen?

Jener Dame konnte ich nicht zumuten, mit mir in Berlin herumzulaufen; denn schließlich war sie 24 Jahre, Weihnachten verlobt, müde und hungrig!

So begleitete sie mich noch zum Stettiner Bahnhof, hier gab ich meinen Seesack auf. Im Wartesaal aßen wir nur ganz kurz Abendbrot. Dann half ich ihr, den Koffer mit nach Hause, das heißt zu ihrer Tante, bei der sie wohnt, zu schleppen. Erst auf dem Rückwege bemerkte ich, daß ich in meiner Tasche von ihr noch einen Schal hatte, den sie, weil sie so schwitzte, dort hineingetan hatte. Auf der Stelle fuhr ich mit der S-Bahn zurück und fand sogar bei der Dunkelheit die Wohnung wieder. Welch eine Leistung!

Als ich nun das Ding abgeben wollte, wurde ich ihren Verwandten vorgestellt. Die Tante lud mich sofort für den Abend ein; sogar zum Ablegen des Mantels wurde ich gezwungen! Was sollte ich machen? Auf dem Bahnhof hätte ich mich nachher geärgert, hätte ich abgelehnt. Als ich dann das Zimmer betrat – es war sehr groß und phantastisch eingerichtet, wie die ganze Wohnung, soweit ich sie gesehen hatte – brannte der Weihnachtsbaum, auf einem kleinen runden Tisch war Rotwein eingeschenkt. Mit dem Hausherrn und der gnädigen Frau unterhielt ich mich über allerhand Sachen. Nach dem 20 Uhr-Nachrichtendienst wollte ich gehen; man ließ mich nicht, sondern holte zu allem Überfluß noch eine Flasche Sekt hervor. Um 24 Uhr haute ich dann aber ab, nachdem man mich vorher noch zum Nachtquartier geladen hatte, was ich mit allerhand Notlügen nicht annahm. Nachher bedauerte ich dies natürlich; denn auf dem Bahnhof war es kalt und man konnte überhaupt nicht schlafen. Aber versprechen mußte ich, daß ich einmal etwas von mir hören lassen würde!

In der Hoffnung, Ihr habt Euch meinethalben nicht unnütze Sorgen gemacht, wünsche ich Euch von Herzen alles Gute und bleibe mit den herzlichsten Grüßen

Euer Horst

An Bord, d. 12. Jan. 45

Ihr lieben Alle!

Nun bin ich schon über eine Woche hier an Bord, nehme jetzt auch mit am Dienst teil. Solange wir in der Werft liegen, gehe ich mit noch drei Fähnrichen abwechselnd vier Stunden „Sicherheitsoffizier“.

Der Maschinendienst verlangt von uns keine körperliche Arbeit mehr; vielmehr fällt uns die Aufgabe zu, die Mannschaften zu kontrollieren und anzuweisen. Der anderweitige Betrieb ist mir ja schon von meinem ersten Bordkommando her bekannt, ich kann also gleich richtig loslegen!

Ansonsten geht es mir ausgezeichnet, was ich auch von Euch allen erhoffe. Habt Ihr eigentlich meinen Wertbrief schon aufgegeben? Meine Briefe habt Ihr doch inzwischen erhalten. Ich erwarte für morgen oder übermorgen die erste Post. Hoffentlich ist etwas für mich dabei. Halt, vorgestern habe ich schon einen großen Brief vom Bann von Kiel her nachgeschickt bekommen. Es waren einige nette Lektüren und drei schöne Postkarten darin!

Ich wünsche Euch nun alles Gute und bleibe mit vielen herzlichen Grüßen

Euer Horst

An Bord, d. 16.1.45

Ihr lieben Alle!

Für Euren lieben Brief Nr. 1 und für die schon vor einigen Tagen erhaltene Zahnbürste sage ich Euch allen meinen herzlichsten Dank. Ich hatte noch nicht damit gerechnet, so schnell schon ein Lebenszeichen von Euch zu erhalten. Meine Erkennungsmarke werde ich höchstwahrscheinlich morgen von der Post abholen, wenn es mit dem Landgang hinhaut.

Weshalb soll ich eigentlich „baselig“ gewesen sein, als ich vor vierzehn Tagen von Euch abdampfte? Ihr habt wohl noch nie etwas vergessen? Noch nie!

Übrigens, mein Brief Nr. 1 war gar nicht so lange unterwegs, als das man so lange hätte drauf warten müssen. Am 4. kam ich hier an, am 5. abends habe ich geschrieben, am 6. morgens ging der Schrieb ab und am 9. hattet Ihr ihn in Händen. Sagt nur, es hätte an mir gelegen, wenn Ihr so spät von mir einige Zeilen erhaltet, wo doch die Post wirklich nicht allzu lange unterwegs war. Schließlich ging es seinerzeit von Kiel auch nicht wesentlich schneller, wenn man bedenkt, daß jetzt alles über die Feldpost geht.

Haben Dieter oder Helmut gestern von Fischer die Bilder abgeholt, und habt Ihr gleich ein paar nach mir auf den Weg geschickt? Ich glaube kaum! Habt Ihr außerdem auch schon den Jahresbeitrag zum DHH geschickt? Von hier aus habe ich schon vor Tagen mein Austrittsgesuch aufgegeben.

So, wie kann ich schon Briefe mit der Schreibmaschine schreiben? Auf der Schreibstube oben wartet immer auf mich ein ganzer Batzen Dienstpost zur Erledigung. Entschuldigt bitte, wenn ich nicht mit der Hand schreibe, aber es geht so bestimmt schon schneller.

Für heute schließe ich mit den herzlichsten Grüßen.

Euer Horst

An Bord, d. 20. Jan. 1945

Ihr lieben Alle!

Nachdem ich nun schon seit Tagen vergeblich auf einige Zeilen von Euch warte, muß ich wohl heute wieder einmal zur Feder greifen. Haupttriebkraft hierzu ist Helmuts Geburtstag. Also, mein lieber Helmut, ich wünsche Dir zu Deinem großen Tag alles Gute, vor allem mögen Gesundheit, das Glück und die Zufriedenheit im kommenden Lebensjahr nie von Deiner Seite weichen! Das Glück und die Zufriedenheit fallen Dir aber nicht von selbst zu, Du mußt sie Dir erarbeiten; kannst sie Dir also so gestalten, wie Du sie gerne haben möchtest.

Heute war ich das erste Mal an Land, um einige Einkäufe zu machen und um meinen Wertbrief von der Post abzuholen. Hier traf ich auch Oberfähnrich zur See Wolfgang Lopau. Am Mittwoch werde ich ihn einmal besuchen. Der Wertbrief war übrigens noch nicht da.

Habt Ihr eigentlich auf meine Reklamation von Mürwik her schon eine Antwort bekommen?

Ihr könnt mir ein Riesenpaket schicken! Beachtet aber meine Wünsche genau. Schickt nur Gebäck, Keks, gerösteten Kuchen oder Kaffeestreifen. Wurst oder ähnliches kann ich nicht gebrauchen. Ferner sind wichtig: Einige Hefte beigelegten Musters (aufheben!!!) und Reclam-Hefte: Goethes Faust und Wilhelm Meisters Lehrjahre. Sicher werdet Ihr die Pamphlete bei Graffs oder Pfannkuch noch bekommen. Die kleinen Marken sind für ähnliche Überraschungen.

Mit den herzlichsten Grüßen will ich für heute schließen, und laßt bald einmal etwas von Euch hören.

Euer Horst

An Bord, 1. Februar 1945

Liebe Eltern und Geschwister!

Da ich gerade beim Schreiben bin, das heißt die Listen, Kurven und schematischen Betriebsdarstellungen fertiggestellt habe, will ich gleich einen kurzen Gruß für Euch alle mit auf den Weg geben. Ich weiß nicht, wann sich jetzt einmal wieder Gelegenheit bieten wird, um Euch zu schreiben. Ihr könnt Euch ja selbst vorstellen, was es jetzt zu arbeiten gibt, um auch so schnell wie möglich zum Einsatz zu kommen. Morgen gehen wir wieder aus dem Dock, um nur noch ganz schnell auszurüsten, Munition und Proviant zu übernehmen. Vielleicht sind wir dann in einer Woche schon klar. Wir alle wünschen es uns ja. Post bekommen wir augenblicklich keine. Ich hoffe aber doch, daß von hier welche weggeht.

Am Sonnabend werde ich wieder nach meiner Erkennungsmarke fragen. Inzwischen war ich nur einmal an Land und zwar am vergangenen Sonntag. Ich war im Kino, „Frau meiner Träume“ wurde gegeben. Es war ein prächtiger Farbfilm. Nun ist alles aus. Sämtliche Kinos und Gaststätten sind mit Flüchtlingen belegt. Und noch immer treffen laufend Dampfer aus dem Osten hier ein. Wie sieht es bei Euch nun noch aus? Sicher werden auch in Eurer Gegend Menschen untergebracht sein. Bei uns hatte es heute hier getaut. Wie sieht es bei Euch mit dem Winter aus? Wie geht es Euch allen noch, wie geht es vor allem Dieter? Ist er schon wieder zu Hause? Habt Ihr eigentlich mein Paket schon abgeschickt? Werde ich es in der augenblicklichen „Wooling“ überhaupt erhalten? Mir geht es gut, was ich auch von Euch allen erhoffe. Für heute grüßt Euch herzlichst

Euer Horst


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