Du wirst mich doch nicht vergessen?

Was fühlt man, wenn man als 18-jähriger in die Wehrmacht eintritt und dort schon bald grausamste Verbrechen verübt? Ist es Stolz? Hass? Scham?

Nachdem Fritz Kalsche 1941 in Russland fällt, macht sich sein Vater auf die Suche nach der Antwort auf genau diese Frage. Er sammelt die Feldpostbriefe seines Sohnes, durchforstet Schulaufsätze und liest die letzten Tagebucheinträge aus dem Felde, um sich von seiner Trauer abzulenken. Doch dabei wird ihm schon bald klar, dass diese Antwort gar nicht so leicht zu finden ist. Wie vielschichtig das Denken seines Sohnes war, beweist dieses Buch, zusammengestellt aus Originaldokumenten und kommentiert vom Vater in dem Bestreben, die Erinnerung an seinen Jungen lebendig zu halten. Ein authentisches Zeitzeugnis, das uns alle angeht.


Auszug aus dem Buch:

Vorwort

Die folgenden Blätter sollen für die Familie und die Freunde das Andenken an unseren Jungen lebendig erhalten und versuchen, ein Bild seines Wesens zu geben. So fröhlich er nach außen hin sein konnte, so ernst war er im Grunde. Nur wenigen schloss er sich auf. Das Schönste, was über ihn von treuen Freunden gesagt wurde, kann ich auch hier nicht mitteilen.

Er schrieb leidenschaftlich, doch war es ihm nicht Beruf, sondern Ergänzung seines aufs Handeln ausgerichteten Lebens. Schon mit 17 Jahren machte er seine ersten Versuche. Sein Bemühen um das Schreiben ging so weit, dass er noch im letzten Urlaub im Januar 1941 in Arbeiten aus den Jahren 1937/38 Verbesserungen anbrachte. Im September 1940 schrieb er „Köln – Paris“. In den Tagen der Ruhe des Ostfeldzuges schrieb er anhand eines Tagebuches Eindrücke nieder aus den Tagen der Kämpfe. In der Zeit der schlimmsten Kämpfe am Wopj fand er Zeit für die Erzählung „Paulina“.

Vieles habe ich erst nach seinem Tode gefunden. Neben den Handschriften hat er noch in seinem letzten Urlaub von vielem die Reinschrift gemacht und selbst an dieser noch gefeilt. Auch darin war er unermüdlich und unerbittlich, aber er sprach fast nie davon.

Fritz Kalsche wurde geboren am 31.7.1920 in Weidenau/Sieg. In Frankfurt am Main besuchte er die Volksschule und das Lessing-Gymnasium. Er war anfangs sehr schüchtern und zurückhaltend; erst in der Oberstufe entwickelte er sich. Die Reifeprüfung bestand er mit Auszeichnung. Am 5.4.1938 trat er in den Reichsarbeitsdienst ein, war zuerst in Mindelheim bei der Abteilung 7/304, dann von Ende Juli an in Haltingen und Steinmauern bei der Abteilung RI/8a am Westwall eingesetzt. Am 18.11.1938 trat er bei der zweiten Batterie des Art.-Regt. 51 in Fulda als Fahnenjunker ein, wurde am 1.5.1939 Gefreiter und am 1.8.1939 Unteroffizier. Am 3.9.1939 zog er ins Feld bei 1. Art- Regt. 15, wurde am 25.10.1939 zur Waffenschule der Artillerie versetzt, am 26.1.1940 zum Fnj.-Wachtmeister befördert. Seit dem 8.2.1940 war er bei der vierten Abteilung des Art. Regt. 187 in der zehnten und zwölften Batterie und während des Frankreichfeldzuges als AVKo beim Abteilungsstabe.

Am 1.4.1940 wurde er (Ob.d.H.Br.2290/40g PA 1; 2117) zum Leutnant befördert. Am 4.7.1940 erhielt er als erster Leutnant der Abteilung das EK II. Über seine Teilnahme an den Feldzügen sagt der Auszug aus dem Wehrpass alles Nötige, der hier folgt.

3.9.39 – 24.10.39

Vorfeldkämpfe zwischen Rhein und Mosel

8.2.40 – 12.3.40

Verwendung im Heimatkriegsgebiet (1. A.R. 15)

13.3.40 – 10.5.40

Verwendung im Operationsgebiet der Westfront

10.5.40 – 12.5.40

Durchbruch durch die südbelgischen Befestigungen und die Ardennen

13.5.40 – 14.5.40

Erzwingung des Maasüberganges

15.5.40 – 20.5.40

Durchstoß durch Südbelgien und die französischen Grenzbefestigungen; Einnahme der Festung Maubeuge, Kämpfe um den Mormal-Wald

21.4.40 – 4.6.40

Abwehrkämpfe an der Somme in den Abschnitten Péronne-La Ferre und bis zur Authie-Mündung.

5.6.40 – 7.6.40

Durchbruchsschlacht an der Somme

8.6.40 – 10.6.40

Verfolgung über Oise und Ourcq

11.6.40 – 13.6.40

Kampf um die Pariser Schutzstellung

15.6.40 – 31.3.41

Besatzungstruppe in Frankreich; Sicherung der Demarkationslinie

1.4.41 – 21.6.41

Besatzungstruppe im Osten

22.6.41 – 23.6.41

Durchbruch durch die Grenzstellung

24.6.41 – 30.6.41

Kesselschlacht bei Bialystock

26.6.41

Einnahme der Festung Ossowice

1.7.41 – 24.8.41

Kämpfe gegen versprengte Feindgruppen und Partisanen, Vernichtung einer russischen Kavalleriedivision zwischen Ossipowitschi und Bobruisk

25.8.41 – 1.10.41

Abwehrkämpfe am Dnjepr und Wopj

1.10.41 – 13.10.41

Schlacht bei Wjasma

14.10.41 – 25.10.41

Durchbruch durch die Moskauer Schutzstellung

26.10.41 – 18.11.41

Vorstoß bei Lokotnia, Abwehrkämpfe westlich Moskau

19.11.41 – 24.11.41

Angriff zwischen Moskwa und Istra

25.11.41 – 28.11.41

Abwehrkämpfe zwischen Swenigorod und Istra

Das Bild unseres Jungen, wie wir Eltern ihn sahen, mag der Brief geben, den ich an seinen Abteilungskommandeur schrieb, als er uns seinen Tod mitteilte:

Frankfurt a. M., den 16.12.1941

…Es ist für uns sehr schwer, aber wir entnehmen ihrem Briefe, dass auch Ihnen dieser Brief sehr schwer wurde. Dafür danken wir Ihnen aufs herzlichste. Sie haben mit Ihren Worten das Bild unseres Jungen so gezeichnet, wie wir ihn selbst sahen.

Er war Obertertianer, als er zum ersten Male sagte, dass er Offizier werden wolle. In unermüdlichem Eifer und mit erstaunlicher Willenskraft überwand er seinen schwachen Körper. Daneben studierte er schon damals die großen Soldaten von Cäsar, Friedrich und Clausewitz bis in die Gegenwart. Seeckt war wohl in vielem sein Vorbild. Auf vielen Fahrten zu Rad und mit Faltboot und Zelt war er mein liebster Wandergefährte.

Bei Kriegsausbruch lag er mit Nierenentzündung im Lazarett. Ohne die vom Arzt geforderte Übergangszeit abzuwarten, ging er in das Feld. Aus den Briefen seines früheren Regimentskommandeurs, Generalmajor Siry, weiß ich, wie sehr dieser den jungen Unteroffizier schätzte.

Mit seinem Ernst, seiner Frische, seiner wirklich inneren Fröhlichkeit war er, wenn er hier war, der Mittelpunkt unseres Hauses und das Vorbild des jüngeren Bruders, auch in der Berufswahl.

Und doch – auch sein Leben war schön. Er liebte seinen Beruf. Wie er schon als Junge nie etwas halb tat, so war er auch hier mit ganzem Herzen dabei. Und er fand neben Dienst und Krieg noch die Zeit für Anderes. Seine Briefe sind eine Freude nicht nur für uns. Seine Berichte über den Frankreichfeldzug und die ersten Wochen des Ostfeldzuges sind neben vielem anderen Zeugnis der Gewandtheit seiner Feder. Aus der Fülle der Jugend hat ihn Gottes Wille uns genommen. Im bewussten Einsatz für Führer und Reich gab er sein Leben. In Trauer und Stolz werden wir ihn immer vor uns haben.“

In sein Tagebuch für 1939 hat er als Vorspruch einen Vers von Hans Carossa eingetragen: „Aus zartem Spiel wird ehernes Geschehen, der Weg wird immer schmäler, den wir gehen.“

Er ist diesen Weg gegangen in heiterem Ernst, durchdrungen von der Aufgabe, seinen Leuten Führer und Vorbild zu sein, mit der inneren Verpflichtung, sich selbst immer als erstes einzusetzen. Als ein schönes Zeugnis für diese Bedingungslosigkeit des Einsatzes für das grosse Ziel sei das Wort seines Freundes angeführt, mit dem dieser einen Brief an uns schloss: „Man kann sich nur bemühen, mit eben derselben Freude all denen nachzufolgen, die uns in ihrer Bereitschaft vorangegangen sind.“

Frankfurt a. M.-Ginnheim,

Hans Kalsche


Das Buch online kaufen (Externe Links):

Oder noch besser einfach im Buchladen um die Ecke (Ein Herz für den Einzelhandel)!