Das Schiff ist gefechtsklar

Das Schiff ist gefechtsklar

Das Schiff ist gefechtsklar, diese Worte notiert Erich Hellerstieg am 16. September 1943 begeistert in sein Logbuch. Er brennt darauf, endlich in die Schlacht zu ziehen, denn die trügerische Berichterstattung des dritten Reichs hat den jungen Mann schwer beeindruckt. Und so kann man in seinem Logbuch nicht nur seine militärische Ausbildung verfolgen, sondern auch immer wieder Zeuge davon werden, wie die deutsche Propaganda zu dieser Zeit funktionierte. Das Ende der sechsten Armee bei Stalingrad, die Gefangennahme Mussolinis, die Frage nach dem ‚totalen Krieg‘, all das notiert er nicht nur, er kommentiert es auch und lässt uns so einen tiefen Einblick in das Denken jener Zeit werfen.


Auszug aus dem Buch:

Mittwoch, den 7. Juli 1943

Wir sind alle gespannt auf das 28 cm-Kaliberschießen, das heute stattfinden soll. Schon um 8 Uhr soll der erste Anlauf gefahren werden, aber es ist kein Schuß zu hören. Den ganzen Morgen warten wir vergebens. Diese Freizeit kommt mir sehr zustatten, denn so kann ich nach und nach die Zeichnungen anfertigen, die ich noch nachzuzeichnen habe. Erst nachmittags, wir waren gerade angetreten zum Gefechtsdienst, feuerte Turm Anton die ersten Schüsse. Bis in die späte Nacht hinein hielt das Schießen an, das nur durch kurze Pausen dann und wann unterbrochen wurde.

Donnerstag, den 8. Juli 1943

Als ich aus dem Motorenraum komme, höre ich schon wieder das Dröhnen der schweren Artillerie, das auch noch während des ganzen Vormittags andauert. Die schöne Zeit der Freiwache fällt heute aus. Es ist Zugoffiziersunterricht angesetzt über E-Technik. Es wird mit einem neuen Kapitel begonnen: „Die magnetische Wirkung des elektrischen Stroms“.

Freitag, den 9. Juli 1943

„Wenn Matrosen gehen an Land, das haut hin“, so wird es in dem bekannten Liede gesungen.

Auch dieser Gang an Land haute hin und zwar ganz schwer. Morgens hatten wir gerade am Pier festgemacht, als wir von Wache kamen. Gegen Mittag tauchten zunächst zögernd einzelne Gerüchte auf: „…Exdienst, Exdienst“, und plötzlich war die Gewissheit da. „Zur Musterung alles Anzug Blau“. Vorher wurden Gewehre empfangen und daran anschließend war Divisionsoffizier-Unterricht.

Gegen 3 Uhr stand die Division zur Von-Bord-Meldung angetreten. Wir bekamen keinen gelinden Schrecken als Herr Kapitänleutnant Stockfleth in Stiefelhosen erschien und damit jegliche optimistischen Gedanken zunichtemachte. Vom „Fleck weg“ ging es los. Es wurde ein forscher Schritt angeschlagen, so dass die Letzten im Zuge sich während des ganzen Weges im Laufschritt bewegten. Der Weg mußte natürlich zu den Dünen führen. Hier beschäftigten wir uns nun in der nächsten Stunde auf eine ähnliche Art, wie wir sie in Mürwik des Öfteren erlebt hatten. Ich glaubte manchmal nicht mehr zu können, aber wenn ich meine Kameraden sah, dachte ich, was die anderen können, kann ich auch. Also, Zähne zusammenbeißen und weiter…

Seit Mittwoch, dem 7. Juli, spricht man im Heeresbericht wieder von Kampfhandlungen größeren Stils. Demnach stieß ein deutsches Stoßtruppunternehmen mitten in eine feindliche Aufmarschstellung bei Bjelgorod und Orel hinein, aus diesem Stoßtruppunternehmen heraus entstand ein Durchbruchsversuch und es gelang, die sowjetische Hauptkampflinie in sechs Kilometer Breite zu durchbrechen. Die Zahlen, die der Heeresbericht in den folgenden Tagen nannte, waren so gewaltig, daß sie mit den Abschusszahlen zu Beginn des Ostfeldzuges gleichgestellt werden können. Das beweist, daß hier auf engstem Raum ungeheure Truppenmassen konzentriert sind. Bis zum heutigen Tage sind die Abschusszahlen stark angestiegen. Über 1.400 Panzer und über 1.000 Flugzeuge wurden von unseren Truppen vernichtet. Die Ziele, die hierbei von den beiden Seiten angestrebt wurden, lassen sich noch nicht erkennen.

Sonnabend, den 10. Juli 1943

Heute ist wieder einmal Wachtag nach Hafendienstplan. Unsere Division hat über das Wochenende wachfrei.

Sonntag, den 11. Juli 1943

Den Sonntagmorgen fülle ich wiederum aus durch Zeichnen. Des Nachmittags ging ich nach langer Zeit mal wieder an Land.

Montag, den 12. Juli 1943

Seeklar! Am ersten Tag der neuen Woche fahren wir nun wieder zur See. Um 14 Uhr ist seeklar. Kurz vor 14 Uhr tritt unser Zug auf dem Aufbaudeck an, um dem Ablegemanöver beizuwohnen. Wie immer, so hatten sich auch heute wieder Besucher auf dem Pier eingefunden. Es ist ein gewaltiger Anblick, zu sehen, wie ein so stolzes Schiff die Anker lichtet und in See geht, wie langsam der Pier verschwindet und man schließlich nur noch die Hafeneinfahrt erkennen kann. Um 15 Uhr war Sicherungsdienst. Alle Mann waren auf Sicherungsstation. Es wurde die Befehlsübermittlung geübt. Dabei hatte ich als Zugehöriger zur Gruppe IV den Hecktelegraphen zu bedienen. Wir haben zwar noch oft Fehler gemacht, aber wenn wir immer wieder üben, so wird auch das einmal tadellos klappen.

Dienstag, den 13. Juli 1943

Es geht immer in Richtung Hela. Als ich mittags um 12 Uhr von Wache komme, liegt der ehemals polnische Kriegshafen backbordseits.

Schon von vornherein machte der Hafen keinen guten Eindruck auf mich. In der Hafeneinfahrt lag das Wrack eines polnischen Zerstörers. Die wenigen Häuser, die zu sehen waren, waren nicht einheitlich gebaut. Große und kleine Bauten wirr durcheinander. Man stellt sofort den Unterschied fest zwischen einem deutschen Hafen und diesem unordentlichen Polenhafen. In den ersten Nachmittagsstunden kreuzen wir vor diesem Hafen und gehen gegen 16 Uhr vor Anker.

Mittwoch, den 14. Juli 1943

Der Mittwoch ist der Tag, an dem die Verbandsübungen durchgeführt werden sollen.

In den Vormittagsstunden trafen wir mit den beiden leichten Kreuzern „Emden“ und „Nürnberg“ zusammen. Während wir noch auf Wache waren, schleppte uns die „Emden“ ab. Anschließend nahm dann die „Scheer“ die „Emden“ in Schlepp. Den ganzen Tag über wurden Manöver gefahren. In den Abendstunden traf dann auch noch die „Schleswig Holstein“ ein, das sogenannte Bügeleisen.

Donnerstag, den 15. Juli 1943

Auch heute noch werden die Verbandsübungen fortgesetzt. Es sind jedoch noch erheblich mehr Einheiten dazu gekommen. Gestern Abend hatte sich nur noch die „Schleswig Holstein“ angeschlossen. Nach der 8-12 Uhr-Wache heute Morgen gehe ich an Aufbaudeck und habe ein fantastisches Bild vor mir:

Die Kreuzer „Emden“, „Scheer“ und „Schleswig Holstein“ fahren in Kiellinie, während an Backbordseite die „Emden“ sowie zwei Zerstörer und drei Torpedoboote denselben Kurs fahren. In den Morgenstunden hatten „Luftangriffe“ durch Torpedoflugzeuge und Jäger stattgefunden. Ich hatte leider nicht die Gelegenheit, diese Manöver zu beobachten und muß mich daher auf die Erzählungen meiner Kameraden stützen.

Freitag, den 16. Juli 1943

Kriegsmarsch zur Übung, das war die Sensation des Tages. Noch bevor wir Gotenhafen anliefen, sollte ein größeres Manöver stattfinden. Es war ja in den letzten Tagen ein großer Teil der deutschen Hochseeflotte hier in der mittleren Ostsee versammelt. Ein Teil dieses Verbandes wurde fortgeschickt, während wir mit dem leichten Kreuzer „Emden“ und unseren kleineren Einheiten zurückblieben. Der fortgeschickte Verband stellte starke britische Seestreitkräfte dar, die einen Geleitzug zu sichern hatten. Diesen mussten wir dann ausmachen und angreifen. Der Kriegsmarschzustand wurde hergestellt und hielt an bis zum Einlaufen in den nunmehr deutschen Hafen:

Sonnabend, den 17. Juli 1943

Weil wir morgen Wachdivision sind, nutze ich den freien Nachmittag aus, um mir die Stadt Gotenhafen zu besehen. Auch dieser Stadt kann man die Zugehörigkeit zu Polen auf den ersten Blick ansehen. Große Mietshäuser in Kastenform, die ungeordnet in die Landschaft gesetzt sind. Keine Gartenanlagen, die den Anblick verschönern – nichts! Wenn man dagegen die netten, alten Häuser meiner Heimatstadt betrachtet, so kann man nicht verstehen, daß dieses Volk sich anmaßte, uns die Kultur bringen zu wollen.


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